2019 – Georgien

Im Winter 2019 machten wir uns Gedanken, wo wir im Sommer hinreisen wollten. Wir hatten drei Wochen Zeit im August, genau zur Hauptferienzeit. Örtlich waren wir völlig flexibel, waren uns aber einig, dass wir abseits der Touristenpfade und ohne Luxus unterwegs sein wollten. Darüber hinaus entschieden wir uns, den Steyr stehen zu lassen, um durch den kurzen Zeitraum nicht auf naheliegende Ziele begrenzt zu sein. Also ging das Grübeln los, endete jedoch relativ schnell mit einem Gedankenblitz, dass wir vor geraumer Zeit etwas über Georgien gelesen hatten. Kurz die Flugpreise gecheckt, für Ok befunden und gebucht.

Das Reisedatum rückte näher und eigentlich hätten wir einen Plan für die Reise machen sollen. Wir entschieden uns jedoch, alles unserer Spontanität zu überlassen. Also buchten wir kein Hotel, suchten keine Reiseroute heraus und recherchierten nichts über das Land. Wir wollten alles aus erster Hand erleben und nahmen Zelt und Schlafsäcke, etwas Equipment und unsere Bekleidung, alles verpackt in je einen Rucksack, mit.

Zeitsprung: Wir kommen am Flughafen der Hauptstadt Tiflis an, es ist nachts um 2 und wir finden heraus, dass der Airport ca. 50km entfernt von der Stadt in der Steppe liegt. Das bedeutet für uns: ein Transportmittel finden. Am Ausgang bieten etliche Taxifahrer ihre Dienste an, für 10€ pauschal. Wir wollen aber den Bus testen und schauen, wo wir landen. Der Bus kommt auf die Sekunde genau (übrigens im Halbstundentakt), wir sind lediglich gespannt, wie wir zahlen können (hoffentlich beim Busfahrer, denn einen Automaten haben wir nicht gefunden). Überraschend für uns: In den topmodernen georgischen Bussen gibt es Touchscreen-Terminals zum Zahlen mit der Karte, die Tageskarte fürs ganze Gebiet kostet ca. 50 Cent pro Person… kein Kommentar!

Wir fahren in die Stadt, steigen im modernen Zentrum aus und entscheiden todmüde, in ein günstiges Hotel zu gehen. Dieses entpuppt sich als modernes, luxuriöses Haus mit eigenem Weinanbau und damit verbundener Weinflatrate des eigenen Weins. Das geht ja gut los!

In der folgenden Zeit schauen wir uns die Stadt an, eine moderne und schicke Metropole, welche eher mediterranen Charme als osteuropäische Stereotypen bedient.

Doch es zieht uns weiter. Wir nehmen den Zug Richtung schwarzes Meer, es gibt wie im Flugzeug nur Sitzplätze mit fixen Reservierungen. Für 5h Zugfahrt zahlen wir 8€ p.P., allerdings in der ersten Klasse, da sonst nichts mehr frei war. Angekommen in Poti ändert sich das Bild: Wir erleben eine alte, schlecht gepflegte Hafenstadt.

Es gefällt uns nicht sehr und wir reisen weiter. Diesmal per Maschrutka, den typischen georgischen Sammeltaxis auf Mercedes-Sprinter-/Ford-Transit-Basis. Diese sind von 8 Sitzen auf ca. 20 bis 25 Sitze umgebaut und dementsprechend gemütlich. Wir verbringen die kommenden Tage in wechselnden Orten an der Schwarzmeerküste, erleben das touristische Treiben von Einheimischen und Russen und arbeiten uns nach Batumi, dem „Las Vegas“ am schwarzen Meer, durch. Hier ist das Leben geprägt von türkischen Urlaubern, Arabern, Russen und Mitteleuropäern, inmitten einer unwirklichen, bunt leuchtenden Stadt. Bald schon reicht uns der Trubel, sodass wir uns entscheiden in den wilden Kaukasus zu fahren.

Wieder per Maschrutka unterwegs, fahren wir durch tolle Landschaften, ziemlich bald bei sintflutartigen Regenfällen, über Gebirgspässe auf entsprechenden Straßen. Die Maschrutka ist mit ca. 30 Leuten völlig überfüllt, wir stehen quer zur Fahrtrichtung gebückt in der Schiebetür. Sarah macht das nichts aus, Christian ist nicht nur seekrank, sondern kreidebleich, schweißüberströmt und kurz davor, sich zu übergeben. Wir erreichen den Zielort glücklicherweise vor Überschreiten der kritischen Marke…

Von hier aus wandern wir! Durch herrliche Täler und über mittelhohe Berge, mit Blick auf richtig hohe Gipfel und Gletscher, bewegen wir uns durch das Herz des Kaukasus. Unser Nachtlager verbringen wir im Zelt, Verpflegung haben wir genug dabei, nur Wasser ist bei dieser Hitze kritisch. Nachdem es jedoch regnete, können wir unsere Flaschen aus wilden Bachläufen füllen.

Relativ bald haben wir jedoch genug vom Kaukasus und wollen weiter: Blöd nur, dass wir mittendrin sind. Laut unseren Berechnungen eines Morgens kommen wir auf drei Tage zügigen Marsches, um wieder in den nächsten größeren Ort zu gelangen. Puh… Wir marschieren los und halten uns immer an einen Forstweg, um die kürzeste, leichteste Route in Richtung des Ortes zu nehmen. Wir scherzen, dass wir trampen könnten, sollte ein Auto kommen. Es kommt tatsächlich eins und hält. Die Georgier verstehen uns nicht und wir nicht die Georgier. Trotzdem können wir uns auf eine Mitnahme verständigen, die Richtung stimmt ja… Nach 500m allerdings geben uns die Georgier zu verstehen, dass sie jetzt auf den Berg abbiegen und ob wir da auch hinwollen würden. Das ist natürlich nicht unsere Intention und wir lachen uns alle kaputt, über die gewaltige zurückgelegte Tramp-Entfernung. Wir laufen weiter und etwas später hält ein Pickup mit Konvoi. Es begrüßt uns der lokale Gebietsvorsteher und nimmt uns gerne ein Stück mit. Wir kommen weiter als beim ersten Mal, aber auch diese gemeinsame Fahrt endet irgendwann.

Weiter zu Fuß unterwegs, kommt bald eine Handwerkspritsche und nimmt uns mit. das Ende vom Lied, nachdem wir am Morgen 3 Tage für die Strecke veranschlagt hatten, sind wir gegen Mittag in der nächstgrößeren Stadt. Das läuft doch.

Wir trocknen unsere durchnässte Ausrüstung und überlegen uns den nächsten Schritt. Ans andere Ende des Landes, an die Grenze zu Aserbaidschan wäre schön, dauert per Zug und Maschrutka aber lange bzw. ist ganz unmöglich. Wir entscheiden uns für einen Mietwagen, allerdings nichts modernes, sondern einen günstigen Wagen, der schon ein paar Tage auf dem Buckel hat. genauer gesagt 25 Jahre und 400.000km, eine Mercedes C-Klasse. Das hat den Vorteil, dass wir absolut undercover unterwegs sind. Zudem bietet er schöne Spezialeffekte wie extreme Fehlzündungen, die Flammen aus dem Auspuff vermuten lassen und einen Zündschlüssel der auf den holprigen Straßen regelmäßig aus dem Schloss fällt, aber die Fahrfähigkeit des Wagens nicht beeinflusst. Wir haben uns ein Ziel genau auf der Grenze zu Aserbaidschan, mitten in de Wüste, ausgesucht. Dort gibt es ein altes Felsenhöhlenkloster, laut Aussagen nur erreichbar über eine uralte, kleine, kaputte Straße. Sarah navigiert. Aber irgendwo anders lang. Wir fahren offroad! mitten durch die Wüste, durch Gräben, vorbei an Militäranlagen, über Stunden. Es ist sauheiß und uns kommen Zweifel. Jetzt ja nicht die Ölwanne aufreißen oder die Kupplung schrotten. Ist eine C-Klasse für sowas gemacht? Wir meinen, ja! Am Horizont sehen wir etwas Großes. Was ist das? Ein Steyr! Genau so ein Expeditionsmobil, wie wir es haben. Die Heidelberger Besatzung schaut uns entgeistert an (wir sind ja mitten in der Wüste) spricht uns auf Englisch an (wir haben ja ein georgisches Kennzeichen). Sie wären orientierungslos und würden gerne den Weg zu dem Felskloster wissen. Wir sagen ihnen, dass wir deutsch reden können und sie hinter uns her fahren könnten. Irgendwann biegen sie hinter uns ab und sind weg. Wir treffen sie später in einem ärmlichen, halb verlassenen Dorf wieder, wo ein paar findige Polen ein Cafe aufgemacht haben, um Besucher des Klosters zu bewirten. Wir unterhalten uns mit den Heidelbergern und aus einem gedachten 5-min-Plausch werden zwei Tage, welche wir gemeinsam hinter dem Cafe auf der Wiese verbringen. So sympathische Leute!

Doch auch diese Zeit geht zu Ende, so wie insgesamt unsere Zeit in Georgien. Wir bringen den Mietwagen zurück, nutzen die Zeit zwischen den Städten, um etwas zu wandern, in den Städten, um die Seele in den Straßencafes baumeln zu lassen und bereiten uns auf die Rückreise vor.

Insgesamt hat Georgien uns umgehauen. Wir hatten irgendwie etwas osteuropäisches erwartet, erlebten jedoch ein mediterranes, modernes Land und völlig einfach zu bereisen. Landschaftlich ging es innerhalb von 500km vom gletscherdurchzogenen Hochgebirge über Schwarzmeerstrände hin zu Steppen- und Wüstengebieten. Kulinarisch hält Georgien einige Überraschungen bereit: Überall zu bekommen ist Kachapuri, ein Brot gefüllt mir Hirtenkäse. Unser Favorit ist Kachapuri Ajaruli, ein „Brotschiff“ gefüllt mit Käse und Spiegelei. Aber auch die verschiedensten Gemüsepasten oder Gemüse- und Fleischgerichte sind sensationell. Eins ist klar: Wir kommen wieder!

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