2019 – Lechweg

Harte Pfingstferien 2019. Nachdem ich durch meine Umschulung vorübergehend wieder Ferien habe und keine frei einteilbaren Urlaubstage, ist das mit der Reiseplanung etwas schwieriger geworden. Da aber für 2020 endlich der Start für unsere Weltreise fest steht, muss das ein oder andere, was wir unbedingt noch machen wollen stattfinden. So kommt es dazu, dass in den Pfingstferien 2019, innerhalb von 14 Tagen, erst eine Alpenüberquerung mit dem Mountainbike mit Christian und im Anschluss die 125 km lange Wanderung des Lechwegs mit meiner Tante und meinen Cousinen anstehen.

Lang schon ist die Idee den Lechweg zu gehen in unseren Köpfen. Jahre zuvor als wir einen Familienausflug an den Lechfall in Füssen unternommen haben, wurde sie geboren und immer wieder verschoben… wie es so oft der Fall ist. Also jetzt wurde es ernst, weil wir ja dann schließlich auf unbestimmte Zeit verreisen wollten. Kurzerhand haben meine Tante und ich die einzige mögliche Woche festgelegt, gebunden an die Ferien, dazu hat sich dann gleich eine meiner Cousinen, die auch ihre Schulferien mal anders verbringen wollte, angeschlossen. Bereits zu diesem Zeitpunkt hat uns der diesjährige harte Winter Sorgen bereitet. Unerwartet viel Schnee, besser gesagt Unmengen von Schnee waren gefallen und hatten bereits unzählige Gebiete, auch die die sich nicht im Hochgebirge befinden, von der Außenwelt abgeschnitten. Naja. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Nachdem ja jetzt der einzig mögliche Zeitpunkt und die Teilnehmer feststanden, habe ich also die Route sehr sauber durchgeplant, Wegstrecken und Höhenprofile genau gecheckt, Abschnitte festgelegt, Pausen kalkuliert, Packlisten erstellt, Unterkünfte gebucht und noch vieles Mehr. Immer mit der Hoffnung, dass der Schnee schön schmilzt und die Wege sicher begehbar macht. Meine Mitstreiter haben die Aufgabe bekommen, sich schon mal körperlich auf diese etwas größere Wanderung vorzubereiten. Dann war es schon Pfingsten. Alle Listen, bis auf meine Tages-To-Do-Listen, waren abgearbeitet aber der Schnee war noch immer so ein heißes Thema. Also das Wetter war nicht heiß genug. Weiter abwarten. Spontan entschloss sich auch meine andere Cousine, noch eine kurze Auszeit von ihrem Studium zu nehmen und reiste aus Berlin an und ich buchte für jede Nacht ein 4tes Bett dazu.

Also endlich Pfingstferien. Das hieß ab aufs Mountainbike und nach Bozen strampeln. Hierfür musste ich gar nichts planen. Das war Christian‘s Job. Mit möglichst wenig Gepäck hatten wir es bald geschafft, aber auch hier hat uns schon der Schnee einen fetten Strich durch die Rechnung gemacht und wir mussten die wunderschöne Uinaschlucht in der Schweiz, auf Grund der großen Schneemassen, umfahren. Durch die gesparten Höhenmeter war ich zumindest noch nicht ganz so ausgelaugt zum Start unserer großen Tour.

So nun zurück zum Lechweg. Dieser 125 km weite Wanderweg sollte uns von der Quelle des Lechs nahe des Formarinsees in Lech am Arlberg im österreichischen Bundesland Vorarlberg bis hin zum Lechfall in Füssen im Allgäu, durch eine der letzten Wildflusslandschaften Europas, führen. Falls jemand auf den Geschmack kommt und ihn auch gerne gehen möchte, findet ihr unter folgender Website weitere genaue Infos zur Wegführung und allem anderen was man so zur Tourenplanung braucht. https://www.lechweg.com/de/

Als wir schließlich startbereit sind ist klar, dass die erste Etappe des Lechwegs noch nicht vollständig begehbar ist, also beschließen wir, uns so weit wie möglich vom Ehemann mit dem Auto shutteln zu lassen, um so weit wie möglich zur Quelle zu gelangen. Normalerweise lässt sich der Formarinsee mittels Bus oder am frühen Morgen auch mit dem privat KFZ über die kleine mautpflichtige Straße erreichen.

Wir beginnen unsere Tour also am frühen Morgen, kurz nach der tatsächlichen Quelle. Genau da, wo die Schneemassen kein weiterkommen für Fahrzeuge mehr möglich machen, aber auch nicht für Fußgänger. Da die Option zu Fuß bis zur Quelle aufzubrechen also scheitert, geht‘s flussabwärts und die gewonnene Zeit nutzen wir gleich einmal um das Frühstück, auf das wir verzichtet hatten, an der nächsten Rastbank nachzuholen. Mühsam wird Tee und so etwas wie Kaffee im Gaskocher zubereitet. Waldbrandgefahr herrscht schon mal nicht.

Wir gehen knapp 14 km bergab nach Lech am Arlberg. Die erste Etappe gestaltet sich noch sehr einfach, kaum Höhenmeter, kurze gesperrte Abschnitte können über die Mautstraße umgangen werden. Ein sicheres, kleines, festes, nicht unterhöhltes Schneefeld queren wir nach ausführlicher Prüfung und üben dabei fleißig die Technik und das Verhalten in einer solchen alpinen Situation. Schnell sind wir in Lech am Arlberg, was zu dieser Zeit noch ziemlich ausgestorben ist. Wir beziehen unsere Unterkunft und suchen das bessere der zwei geöffneten Restaurants, um uns mit Nahrung aufzufüllen. Es ist so gut, dass wir uns am Abend gleich nochmal dort Essen holen ;-). Der nächste Abschnitt soll technisch der schwierigste werden. Gestärkt nach dem Frühstück, und dem täglichen Wetter check up soll es los gehen. Wir haben im Vorfeld einen Gepäcktranksport für ein Gepäckstück a 10 kg gebucht, um uns das Ganze etwas leichter zu gestalten. Dieser funktioniert ab dem ersten Tag hervorragend und ist echt ne großartige Sache, vorausgesetzt man gibt dann auch wirklich so viel Gepäck wie möglich mit. Planungsfehler meinerseits… Gepäcktransportrucksack war zu klein um 10 kg zu fassen. Also starten wir trotzdem mit vollgepackten Rucksäcken, nachdem unser Zusatzgepäck schon vorgefahren ist. Die Wegverhältnisse ließen sich im Vorhinein nicht ganz klar eruieren so müssen wir im Notfall umdrehen und die Hauptstraße oder den Bus bis nach Warth nehmen. Die nächsten 12 km und 500 hm bergauf und einige bergab verlangen uns technisch und mental einiges ab. Mehrmals müssen wir genau die Situation überprüfen. Schneefelder sind freigefräst, aber trotzdem sind Stellen dabei an denen man sich kaum einen Fehler erlauben darf. Hochprofessionell setzen meine 3 Begleiterinnen das am Vortag Gelernte um und zeigen eine unglaubliche mentale Stärke dabei. Nachdem wir endlich in Warth ankommen, gibt es eine Nachmittagsstärkung beim Metzger. Nur noch ein paar Kilometer nach Gehren zum Biobauernhof Gernerhof, unser heutiger Schlafplatz. Ein toller Weg, wir freuen uns, dass die anspruchsvollen Meter vorüber sind. Zwar noch etwas ausgesetzt aber jedenfalls leichter zu gehen. Wir wiegen uns in Sicherheit als wir von oben einen spitzen Schrei hören … Wie von der Tarantel gestochen brettert eine Gams von oben auf uns zu! Ziemlich knapp schießt sie an uns vorbei in die Tiefe und stoppt erst nachdem sie weit unten das Bachbett gequert hat und schon wieder im Berg steht. Ja die Natur ist unberechenbar. Der harte Weg hat sich absolut gelohnt! Der Bauernhof ist ein Traum mit unglaublich netten Gastgebern! Absolut zu empfehlen! Leider hat die eigene kleine Gastronomie noch nicht geöffnet und so verbringen wir einen schönen Abend in unserem Apartment mit Küche und machen Restleessen. Es ist so ziemlich alles dabei was man sich als Proviant vorstellen kann. Wir freuen uns schon auf das sensationelle Frühstück am nächsten Tag :-). Die nächsten Tage wird der Weg technisch deutlich leichter. Wir wandern durch beeindruckende Natur, genießen die Aufenthalte bei unseren Gastgebern, essen oft Reste 😀 (Alle und überall, alte Kässpatzen im Liegen auf einer Schotterstraße sind eine Spezialität!!!), gewöhnen uns ganz ganz langsam an das frühe Aufstehen, kämpfen gegen unsere ersten Blasen und Wehwehchen, durchschreiten die Höhenbachschlucht und überschreiten die dortige Hängebrücke, bewundern den Simmswasserfall und essen gelegentlich feinen Kuchen.

Tag 5 zerlegt uns dann! Etwas mehr als 20 km, 500 hm rauf, 500 hm runter, guter Weg, eigentlich leicht zu schaffen. Aber wir merken die vergangenen Tage! Wir kommen schon von Anfang an nur langsam voran, die wenigen ausgesetzten Stellen rauben uns viel mehr Kraft als sonst und der viele Teer macht das Bergabgehen gar nicht schön. Irgendwann gegen Abend kommen wir endlich im Schneckentempo am Campingplatz in Vorderhornbach an und können unser kleines Hüttchen beziehen. Helena und ich erfrischen uns noch ganz kurz im anliegenden Naturbad und dann überlegen wir, ob wir die nächste Etappe mit dem Bus bestreiten. Die Busverbindung ist über den gesamten Lechweg hervorragend ausgebaut und mit der Lechtalcard, welche man bei jedem Gastgeber erwerben muss, kostenlos befahrbar.

Aber die anderen entscheiden sich gegen den Bus. Also weiter! Es ist mein 30. Geburtstag! Eine gewisse Unruhe bemerke ich, als ich spontan die Route ändere, weil sich nichts zur Nahrungsaufnahme finden lässt. Sarah versuchen zu überraschen funktioniert einfach echt selten! Jedenfalls freue ich mich trotzdem riesig, als ich unseren Steyr sehe! Rechne nicht damit, dass Christian auch meine 80 jährige Oma eingeladen hat und nach einem Picknick mit Feuer am Lech erfahre ich auch noch, dass sie auch noch bis zum nächsten Tag bleiben!

Oma schläft in meinem Pensionszimmer und ich ziehe zu Christian und Steyr auf den nahe gelegenen Campingplatz. Also fahren die beiden vor und wir 4 Mädels wandern weiter. Leider erwischt uns kurz vorm Ziel ein Gewitter und weil wir zu faul sind unsere Regenhosen anzuziehen sind auch unsere Schuhe komplett durchnässt. Gut für die Blasen! Der letzte Kilometer fühlt sich an wie 10 km. Aber auch den überwinden wir! Wir genießen ein tolles Abendessen im Gasthaus und machen noch einen kleinen feinen Umtrunk vorm Steyr!

Der nächste Tag schafft Erholung! Quasi nur ein Katzensprung bis nach Reutte. Schon der vorletzte Tag. Wahnsinn! Wir erfahren, dass unsere Pension einen Wasserschaden hat und bekommen ein Upgrade. So sind wir mitten in Reutte in einem 4 Sterne Hotel gelandet. Auch nicht schlecht! Nur unsere Abendgarderobe haben wir vergessen einzupacken. Die langen Unterhosen müssen aushelfen. Und da ist er auch schon! Der letzte Tag! Der letzte Weg! Der Grenzübertritt nach Deutschland! Motiviert gehts früh los. Wir scheinen uns jetzt schon richtig gut regeneriert zu haben und an die Belastung gewohnt zu sein. Wir kommen viel schneller voran wie geplant. Fast auch ein Katzensprung! Wir überwinden schnell die über 700 hm und kommen am viel besuchten Alpsee in Füssen an. Etwas seltsam werden wir beäugt von den Sparziergängern deren Route der Spaziergang um den See ist. Nachdem wir gut ausgerüstet mit ihnen den halben See entlang spaziert sind gehts auf die letzten Meter! Kurz vor der nächsten Freilanddusche erreichen wir unser Ziel! Nach 125 km zu Fuß, ca. 2.300 hm bergauf, weit über 3.000 hm bergab sind wir nach 8 Tagen am Lechfall in Füssen!

Kurzes Fazit:

  • Nehmt euch nicht nur in Acht vor Steinschlag, Lawinen, Blitzschlag usw. sondern auch vor flitzenden Gämsen!
  • Der als leicht begehbar beschriebene Lechweg überrascht hin und wieder mit sehr ausgesetzter Wegführung und Gelände das absolute Trittsicherheit erfordert! Auch wenn kein Schnee mehr vorhanden ist!
  • Ist man hungrig genug, isst man wirklich fast alles! Nur unser Vegetarier hat wirklich auf Fleisch verzichtet.

Vielen, vielen Dank an meine Tante Alexandra und meine Cousinen Susanne und Helena! Wir waren ein super Team, es hat riesigen Spaß gemacht und ich bin sehr stolz, wie schnell ihr alles umgesetzt hab was ich euch gezeigt habe! Euer Durchhaltevermögen und eure Fähigkeit die Ruhe zu bewahren ist großartig! Bleibt so wie ihr seid!

Ps. Wir schauen uns die Quelle schon noch an!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s